Ein Bauleiter geht nach sechs Jahren, am Montag fängt sein Nachfolger an. Auf einer längeren Baustelle läuft das jedes Mal gleich: eine Woche Übergabe, ein Rundgang, ein Ordner mit Zetteln, und dann ist der Alte weg. Was er im Kopf hatte, ist mit ihm im Auto. Was in den Ordnern liegt, muss der Neue erst finden.
Was bleibt und was mitgeht
Was bleibt, ist viel: Bauverträge, Leistungsverzeichnisse, hunderte Besprechungsprotokolle, Nachtragsangebote samt Prüfvermerken, Mängellisten, Abnahmeniederschriften, Mails mit Zusagen, Pläne in drei Indexständen. Alles da, aber verteilt über Server, Postfach und Papier.
Was mitgeht, ist das Wissen darüber, wo das Wichtige steht. Der Alte wusste, dass die Zusage zur Kabeltrasse im Protokoll vom Jänner steht und nicht in dem vom März, wo sie noch einmal diskutiert wurde. Er wusste, welcher Nachtrag dem Grunde nach anerkannt ist und welcher nur eingereicht. Er wusste, wann welche Gewährleistungsfrist zu laufen begann. Der Neue weiß es nicht und muss für jede Frage suchen oder jemanden stören.
Hier hilft eine Wissensdatenbank aus den Projektunterlagen. Wie ich so etwas gebaut habe, steht in fünf Lehren aus dem Bauen einer Wissensdatenbank und auf der Seite Die Wissensdatenbank erklärt. In meinem Bestand von knapp 2.000 Dokumenten dauerte eine Suche vorher 20 bis 40 Minuten, heute zwei bis fünf.
Drei Fragen am ersten Tag
Angenommen, die Projektunterlagen wären eingelesen und der Neue stellt am Montag drei Fragen.
Erste Frage: Welche Zusagen hat der Auftraggeber zur Bauzeitverlängerung gemacht? Das System zeigt drei Protokollstellen mit Datum und Absatz. Er liest die Originale und hat in fünf Minuten, wofür er sonst einen Vormittag geblättert hätte.
Zweite Frage: Welche Nachträge sind eingereicht, aber noch nicht geprüft? Antwort mit Fundstelle: die Nachtragsliste, Stand März. Er öffnet sie, sieht das Datum und stutzt: es ist August. Er fragt in der Runde, und tatsächlich: die Liste vom Juni liegt noch auf dem Rechner des Alten und war nie am Projektlaufwerk. Die Antwort war falsch, weil das Dokument veraltet war; aufgefallen ist das an der Fundstelle.
Dritte Frage: Wann läuft die Gewährleistung für die Lüftungsanlage ab? Fundstelle ist die Abnahmeniederschrift, darin das Datum, aus dem sich die Frist ergibt. Die Frist selbst rechnet er nach dem Vertrag aus, nicht das System.
Was schneller wird und was nicht
Schneller wird das Finden. Er kann in der ersten Woche, auf meine Zeiten hochgerechnet, zehnmal so viele Fragen stellen, und er muss für keine davon jemanden stören. Das ist beim Einarbeiten mehr wert als die Übergabemappe.
Nicht schneller wird das Beurteilen. Ob ein Nachtrag berechtigt ist, ob eine Zusage im Protokoll bindend ist, ob die Frist gehemmt war: das steht in keiner Fundstelle, das entscheidet er. Und nicht besser wird der Datenbestand. Was nicht eingelesen ist, existiert nicht, und was veraltet eingelesen ist, wird mit voller Überzeugung ausgegeben. Die zweite Frage oben zeigt das: ohne Fundstelle wäre der Fehler durchgerutscht.
Zur Einordnung: Wer so ein System beruflich verwendet, ist Betreiber im Sinn der KI-Verordnung (Art. 3 Nr. 4). Die eigentlichen Betreiberpflichten in Art. 26 gelten aber für Hochrisiko-KI-Systeme, und eine Suche über Bauprotokolle gehört, soweit ich Anhang III lese, in keinen der dort aufgezählten Bereiche. Was bleibt, ist die KI-Kompetenz nach Art. 4, dazu mehr in KI-Kompetenz im Betrieb. Der Verordnungstext steht auf EUR-Lex1. Mit den Betreiberpflichten der Anlage, also Wartung und Prüfung der Lüftung selbst, hat das nichts zu tun. Zwei verschiedene Betreiber, zwei verschiedene Regelwerke.
Darauf achte ich
Bei jeder Antwort steht die Fundstelle, und die Fundstelle trägt ein Datum. Ohne Datum kann der Neue nicht sehen, ob er die aktuelle Liste liest.
Vor der Übergabe hole ich den Ordner des Alten aufs Projektlaufwerk, samt dem, was er für unwichtig hielt. Der Rechner, der mit ihm geht, ist das größte Loch im Bestand.
Bevor Mails und Projektakten eingelesen werden, kläre ich Zugriffsrechte, Zweckbindung und Löschfristen. Vertragliche Geheimhaltung, Personal- und Gesundheitsdaten bleiben draußen, dazu mehr in DSGVO und KI.
Bei Fristen und Geld zeigt das System, wo es steht, gerechnet und entschieden wird im Original. Ein Sprachmodell weiß nicht, was am Bau eine Zusage ist. Der Bauleiter schon, auch der neue.