Auf dem Schreibtisch liegt die Montage- und Betriebsanleitung einer Lüftungsanlage, achtzig Seiten, und daneben die Frage des Auftraggebers, in welchen Abständen die Filter zu tauschen sind und was davon in den Wartungsvertrag gehört. Am Montag ist Übergabe. Die Versuchung ist, das PDF ins Chatfenster zu ziehen und zu schreiben: fass das zusammen.
Das mache ich nicht mehr. Nicht, weil es nichts ausgibt, sondern weil ich mit dem, was herauskommt, nichts anfangen kann.
Warum nicht am Stück
Zwei Gründe, und nur der erste ist technisch.
Liu und andere haben gemessen, wie Modelle lange Eingaben nutzen. Ihr Ergebnis: Die Leistung ist am höchsten, wenn die gesuchte Angabe am Anfang oder am Ende der Eingabe steht, und sie fällt deutlich ab, sobald das Modell auf etwas in der Mitte zugreifen muss (Liu u. a. 2023, arXiv:2307.031721, abgerufen am 21. August 2026). Bei achtzig Seiten ist fast alles Mitte.
Der zweite Grund wiegt für mich schwerer. Eine Zusammenfassung über achtzig Seiten kann ich nur prüfen, indem ich die achtzig Seiten lese. Dann hätte ich sie auch gleich lesen können. Was ich bekomme, klingt fertig, und ich habe keinen Griff daran. Wie ich Antworten sonst prüfe, steht in Wie ich eine Antwort prüfe, aber der einfachste Handgriff, der Blick auf die Stelle, geht hier ins Leere, solange keine Stelle dabeisteht.
Suchen lassen, nicht antworten lassen
Darauf läuft es bei mir hinaus. Ich lasse das Modell das Dokument aufschlagen, nicht die Frage beantworten.
Zuerst die Gliederung: das Inhaltsverzeichnis mit Seitenzahlen, wörtlich abgeschrieben. Das ist Abtippen und keine Auskunft, und ich sehe auf einen Blick, ob das Modell überhaupt sauber lesen konnte.
Dann die Auswahl: Welche Abschnitte kommen für meine Frage infrage? Bei der Filterfrage sind das meist zwei, Wartung und technische Daten, dazu vielleicht ein Anhang. Aus achtzig Seiten werden acht.
Erst dann die Frage selbst, und zwar je Abschnitt einzeln. Wenn zwei Abschnitte einander widersprechen, sehe ich das so. Am Stück hätte das Modell den Widerspruch für mich glattgebügelt, und genau das ist die Stelle, an der ich beim Wartungsvertrag hineinlaufe.
Ohne Fundstelle keine Verwendung
Zu jeder Antwort verlange ich Seite und Abschnitt. Nicht aus Ordnungsliebe: Kalai und andere beschreiben, dass Modelle wie Prüflinge trainiert und bewertet werden und dass Raten bei Unsicherheit die Bewertung verbessert, während ein „weiß ich nicht" leer ausgeht (Kalai u. a. 2025, arXiv:2509.046642, abgerufen am 21. August 2026). Ein sicherer Ton sagt mir deshalb nichts. Eine Seitenzahl, die ich aufschlagen kann, sagt mir etwas. Dieselbe Regel gilt bei Normen, dort noch strenger, siehe Normen fragt man nicht, man schlägt sie nach.
Dazu kommt, dass ein PDF kein sauberer Text ist. Tabellen zerfallen, Kopfzeilen wandern mitten hinein, zweispaltige Seiten werden verwoben. Was das anrichtet, habe ich in Das Angebot kommt als PDF aufgeschrieben. Bei Zahlen aus einer Tabelle schaue ich deshalb immer im Original nach, auch wenn die Fundstelle stimmt.
Darauf achte ich
Gliederung zuerst, Auskunft zuletzt. Eine Frage je Abschnitt statt einer Frage über alles. Jede Antwort mit Seite und Abschnitt, sonst verwende ich sie nicht. Und am Ende lese ich die zwei, drei Stellen, auf die es ankommt, selbst nach.
Was ich weitergebe, schreibe ich in meinen Worten, mit Seitenangabe. Nie die Zusammenfassung des Modells als Text. Wer den Wartungsvertrag unterschreibt, kann sich nicht auf ein Chatfenster berufen.
Der Gewinn ist nicht, dass ich weniger lese. Ich lese am Ende vielleicht sechs Seiten statt achtzig, aber diese sechs richtig, und ich weiß, warum es diese sind.
Quellen
- 1Liu u. a. 2023, arXiv:2307.03172 arxiv.org
- 2Kalai u. a. 2025, arXiv:2509.04664 arxiv.org