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Selbst umsetzen · 2 von 10 Nr. 0021

Rechnen, bevor man baut

Von Martin Kirschner · · 3 Minuten Lesezeit · Belege geprüft am

Vier Zeilen genügen, um zu sehen, ob sich ein KI-Vorhaben trägt. Wo die Kosten wirklich stecken, welche Ersparnis zählt und warum ich bei manchen Ideen abgebrochen habe.

„Das spart uns bestimmt viel Zeit." Mit diesem Satz beginnen die meisten KI-Ideen, auch meine. Für mich ist er wertlos, solange keine Zahl dahintersteht. Und die Zahl aufzuschreiben dauert zehn Minuten.

Die Ersparnis

Drei Werte, mehr braucht es nicht:

Minuten pro Vorgang mal Vorgänge je Person und Monat mal Personen.

Bei der Angebotsprüfung waren das rund 25 Minuten pro Angebot. Bei der Wissensdatenbank 20 bis 40 Minuten pro Suche.

Zwei Fallen stecken darin. Erstens überschätzt man die Zeit leicht, weil einem der schlimmste Fall einfällt. Ich messe deshalb lieber ein paar Vorgänge mit, statt zu schätzen. Zweitens fällt die Arbeit nicht ganz weg. Bei der Angebotsprüfung sind aus 25 Minuten nicht null geworden, sondern etwa zwei.

Ich rechne mit dem, was übrig bleibt, nicht mit dem, was wegfällt.

Die Kosten

Hier denke ich leicht zu kurz. Vier Posten, der erste ist der kleinste:

Laufende Modellkosten. Wie ich sie überschlage, steht im Beitrag über Tokens: Abgerechnet wird nach Tokens, getrennt nach Eingabe und Ausgabe (Anthropic, Preisübersicht1), und deutscher Text braucht mehr davon als englischer. Gemittelt über zehn untersuchte Modelle lag Englisch bei rund 1,2 Tokens je Wort, die germanischen Sprachen bei 1,7 bis 1,9 (The Tokenizer Tax Across 25 European Languages2); je Tokenizer fällt der Wert anders aus.

Bauen. Die eigene Zeit oder fremde Stunden. Bei mir immer der größte Posten.

Betrieb. Server, Zugänge, Sicherungen, Aktualisierungen. Läuft weiter, auch wenn niemand hinschaut.

Pflege der Inhalte. Der Posten, den alle vergessen und der über Erfolg oder Misserfolg entscheidet. Eine Wissensdatenbank, in die niemand die neue Fassung einpflegt, gibt nach einem Jahr falsche Auskünfte. Das ist Arbeitszeit, jeden Monat.

Die Rechnung

Ersparnis pro Monat        =  Minuten × Vorgänge je Person × Personen × Stundensatz / 60
Laufende Kosten pro Monat  =  Modell + Betrieb + Pflege
Einmalige Kosten           =  Bauen

Amortisation in Monaten    =  Einmalige Kosten / (Ersparnis − laufende Kosten)
                              nur gültig, solange diese Differenz größer als null ist

Wenn dabei mehr als achtzehn Monate herauskommen, lasse ich es. Nicht weil die Zahl heilig wäre, sondern weil sich in achtzehn Monaten Technik, Ablauf oder Anbieterpreise so ändern, dass die Rechnung nicht mehr gilt.

Was in der Rechnung nicht steht

Zwei Dinge lassen sich schlecht beziffern und sind trotzdem wichtig.

Vermiedene Fehler. Eine veraltete Auskunft, die in ein Angebot wandert, kann teurer sein als das ganze System. Das taucht in keiner Ersparnis auf, ist aber oft der eigentliche Grund.

Ärger. Ein Ablauf, den alle hassen, kostet Motivation. Auch das ist Geld, nur nicht auf der Rechnung.

Ich schreibe beides dazu, aber getrennt, damit die Rechnung ehrlich bleibt. Mische ich weiche Vorteile hinein, rechne ich jedes Vorhaben schön.

Wenn die Rechnung nein sagt

Bei mehreren meiner Ideen kam heraus: lohnt sich nicht. Ein Vorhaben hätte etwa zwei Wochen Bauzeit gekostet und rund zehn Minuten im Monat gespart. Das habe ich gelassen.

Das ist kein Scheitern, sondern der Zweck der Übung. Die Liste der Dinge, die man nicht baut, ist genauso wertvoll wie die Liste der gebauten. Sie ist nur unsichtbar, weil niemand über die Projekte schreibt, die er sich erspart hat.

Was ein Durchlauf tatsächlich kostet, können Sie in der KI-Werkstatt unter Was kostet das für Ihren eigenen Text durchrechnen.

Quellen

  1. 1Anthropic, Preisübersicht platform.claude.com
  2. 2The Tokenizer Tax Across 25 European Languages arxiv.org

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