Eine Mail, wie sie in jeder Haustechnik ankommt: „Lüftung Küche geht nicht, seit Freitag stinkt es, siehe Foto." Absender ist der Pächter, das Foto zeigt einen Lüftungsauslass mit Fettfilm. Jemand liest die Mail, überlegt, welche Anlage gemeint ist, sucht den Wartungsvertrag, schaut in die Leittechnik, ob dort ein Alarm ansteht, und ruft dann die Firma an. Bei mehreren solcher Mails am Tag ist der Vormittag weg, bevor irgendjemand einen Filter angreift.
Ich habe diesen Ablauf nicht gebaut. Ich habe ihn am Papier durchgezeichnet, weil er drei Dinge auf einmal braucht, die ich sonst nur getrennt kenne. Was hier steht, ist ein Entwurf, kein Erfahrungsbericht.
Drei Schichten, drei Fragen
Ein System, das so eine Mail bearbeitet, hat drei Schichten. Ganz vorne die Oberfläche: Mail rein, Antwort oder Ticket raus. In der Mitte die Verarbeitung: ein Sprachmodell, das die Mail liest und entscheidet, was als Nächstes passiert. Ganz hinten die Daten: Anlagendokumentation, Leittechnik, Ticketsystem, Firmenliste.
Die Mitte ist der schwierige Teil, weil das Modell dort drei ganz verschiedene Fragen stellen muss:
- Was steht in den Unterlagen? Welche Anlage versorgt die Küche, wer hat den Wartungsvertrag, welche Filterklasse gehört hinein. Das steht in Dokumenten, und die ändern sich selten.
- Was ist gerade los? Läuft der Ventilator, ist ein Alarm anstehend, wie hoch ist der Druckverlust am Filter. Das steht in keinem Dokument, das steht in der Gebäudeleittechnik, und es ist in einer Stunde schon wieder anders.
- Was soll passieren? Ticket anlegen, Firma verständigen, Pächter antworten. Das ist keine Auskunft mehr, das ist eine Handlung.
In meinem Beitrag über die drei Formen der Automatisierung habe ich sie einzeln beschrieben. Hier kommen sie in einem einzigen Ablauf zusammen, und für jede gibt es einen anderen technischen Weg.
Nachschlagen, abfragen, ausführen
Für die erste Frage nimmt man das, was ich für meine Wissensdatenbank gebaut habe: Die Unterlagen werden vorab zerlegt und durchsuchbar gemacht, zur Frage werden die passenden Abschnitte herausgesucht und dem Modell mitgegeben, das Modell antwortet nur daraus und nennt die Fundstelle. Das Verfahren heißt Retrieval-Augmented Generation und wurde 2020 von Lewis und Kollegen beschrieben (arXiv:2005.11401). Der Punkt daran: Das Modell muss nichts über die Anlage wissen, es muss nur lesen können, was ihm vorgelegt wird.
Für die zweite Frage hilft kein Dokument, da braucht es eine Schnittstelle. Bei den großen Anbietern heißt das Tool Use oder Function Calling. Der Ablauf ist bei beiden gleich beschrieben: Der Entwickler definiert eine Funktion samt Beschreibung, das Modell entscheidet, ob es sie braucht, und gibt einen strukturierten Aufruf zurück. Ausgeführt wird der Aufruf nicht vom Modell, sondern vom eigenen Programm, das dann das Ergebnis zurückschickt (Anthropic, Tool use overview; OpenAI, Function calling). Übersetzt: Das Modell sagt „frag die Leittechnik nach Anlage L03, Punkt Ventilator Zuluft", und mein Code macht die Abfrage. Das Modell hängt nie direkt an der Anlage.
Für die dritte Frage ist es technisch dasselbe Werkzeug. „Ticket anlegen" ist auch nur eine Funktion. Der Unterschied liegt nicht in der Technik, sondern in der Folge: Eine Abfrage kann man beliebig oft falsch machen, eine Handlung nicht.
Wo der Mensch stehen bleibt
Darum zeichne ich in den Ablauf an einer Stelle einen Haltepunkt ein. Nachschlagen und abfragen darf das System allein, das ist Lesen. Das Ticket schreibt es fertig aus: Anlage, Firma, vermuteter Fehler, aktueller Zustand aus der Leittechnik, Fundstelle im Wartungsvertrag. Abgeschickt wird es erst, wenn jemand draufschaut und bestätigt. Aus Suchen und Telefonieren wird ein Blick auf einen fertigen Vorschlag.
Angenommen, das Modell ordnet die Küchenlüftung dem falschen Wartungsvertrag zu, weil im Gebäude zwei Anlagen mit ähnlichem Namen laufen. Ohne Haltepunkt bekommt die falsche Firma einen Auftrag und legt dafür eine Rechnung. Mit Haltepunkt fällt es dem Menschen auf, weil die Fundstelle danebensteht.
Darauf achte ich beim Zeichnen:
- Jede Antwort aus den Unterlagen kommt mit Fundstelle, sonst kann niemand den Vorschlag prüfen.
- Jede Abfrage an die Leittechnik ist reines Lesen. Schreiben auf die Anlage kommt nicht ins System, aus Gründen, die im Beitrag über die falsch schaltende Steuerung stehen.
- Jede Handlung nach außen hat einen Menschen davor. Nicht weil das Modell dumm wäre, sondern weil ein Fehler hier Geld kostet.
Ob die Zuordnung dann wirklich stimmt, also wie oft das System das richtige Gewerk und die richtige Firma trifft, ist eine eigene Frage. Die kann man nur messen, nicht vermuten. Wie ich das anlege, steht im Beitrag Woran man merkt, dass es funktioniert.