Angenommen, in einer Baubesprechung geht es um die Warmwassertemperatur am Speicheraustritt. Der Installateur zieht das Handy, tippt die Frage in ein Chatfenster und liest eine Gradzahl vor, „laut ÖNORM B 5019". Ich frage nach dem Ausgabestand. Er scrollt. Da steht keiner. Ich frage nach dem Abschnitt. Auch keiner. Die Zahl steht trotzdem im Protokoll, wenn niemand widerspricht.
Was ein Chatfenster darauf antwortet, und warum so sicher
Welche Zahl das Chatfenster nennt, ist für das Folgende egal. Ich traue ihr aus drei Gründen nicht, wie immer sie ausfällt.
Erstens die Sache selbst: Die ÖNORM B 5019:2020 03 01 ist zurückgezogen (Eintrag bei Austrian Standards). Nachfolgerin ist die ÖNORM B 1921, aktuell die Ausgabe 2023 07 01, und in ihrer Historie stehen sowohl die B 5019 als auch die B 5021 als Vorgängerinnen (so die Historie zur B 1921 bei Austrian Standards). Wer nach der B 5019 fragt, riskiert also eine Antwort aus einer Norm, die seit 2023 nicht mehr gilt, und merkt es an der Antwort nicht.
Zweitens die Herkunft: ÖNORMen sind kostenpflichtig und lizenziert, sie liegen nicht offen im Netz. Ob und in welcher Ausgabe ein Modell einen Normtext je gesehen hat, weiß von außen niemand. Offen im Netz liegt dagegen eine Menge Text über Normen: Fachartikel, Herstellerprospekte, Forenbeiträge, deutsche und österreichische Regelwerke durcheinander. Aus so etwas baut ein Modell eine plausible Antwort.
Drittens der Ton: Kalai u. a. beschreiben, dass Sprachmodelle wie Prüflinge trainiert und bewertet werden, und dass Raten bei Unsicherheit die Bewertung verbessert, während ein „weiß ich nicht" leer ausgeht (Kalai u. a. 2025, arXiv:2509.04664). Ein Modell, das die Ausgabe der Norm nicht kennt, hat also wenig Grund, das zu sagen. Wahrscheinlicher ist eine Gradzahl. Und ob geraten oder nicht, am Ton erkennt man es nicht.
Ich kann die Zahl also nicht prüfen. Und eine Zahl, die ich nicht prüfen kann, unterschreibe ich nicht. Wie ich eine Antwort sonst prüfe, steht in Wie ich eine Antwort prüfe; bei Normen greift die einfachste Prüfung, der Blick in den Text, beim Chatfenster ins Leere, weil ich dort weder Ausgabe noch Stelle im Normtext sehe.
Der andere Weg
Ich frage das Modell nicht, was in der Norm steht. Ich lasse es die Norm für mich aufschlagen.
Die Normen, die ich brauche, liegen lizenziert in meinem eigenen System, per Suche angebunden, so wie in der Wissensdatenbank beschrieben. Auf die Frage nach der Speicheraustrittstemperatur sucht das System die passenden Abschnitte, und das Modell antwortet aus genau diesen Abschnitten. Bei der Antwort steht: Norm, Ausgabe, Abschnitt. Ein Klick öffnet die Stelle. Dann lese ich nach. Ein Blick, und ich weiß, ob die Antwort aus der geltenden Ausgabe kommt oder aus einer, die jemand vergessen hat auszutauschen.
Das Modell wird dabei nicht klüger. Es bleibt dieselbe Ratemaschine. Aber es rät nicht mehr aus dem, was irgendwo im Netz über die Norm geschrieben wurde, sondern liest aus dem Text, den ich ihm hinlege. Und wenn der Text die Frage nicht hergibt, sieht man das an den Fundstellen: Es gibt keine. Wie so ein System aufgebaut ist, steht auf der Seite Die Wissensdatenbank erklärt.
Ein Punkt gehört noch dazu, bevor jemand seine Normen in ein System lädt: die Lizenz. Austrian Standards schreibt, dass Normen urheberrechtlich geschützt sind, dass beim Kauf im Shop eine Einzelplatzlizenz für eine Person dabei ist und dass die Ablage auf einem Netzlaufwerk oder die Nutzung durch mehrere Mitarbeiter eine Mehrfachnutzungslizenz braucht (Austrian Standards, Normen rechtssicher nutzen). Ein Suchsystem, aus dem zwanzig Leute abfragen, ist genau so ein Fall. Das klärt man vorher, nicht wenn die erste Nachfrage kommt.
Darauf achte ich
Bei jeder Normauskunft, egal woher sie kommt, drei Fragen: Welche Norm, welche Ausgabe, welcher Abschnitt. Fehlt eine der drei, ist es keine Auskunft, sondern eine Meinung.
Gilt die Ausgabe noch? Im Beispiel oben scheitert schon die Frage daran, weil die B 5019 zurückgezogen ist. Der Blick auf die Historie beim Herausgeber kostet eine Minute.
Und die Norm, die ich zitiere, muss ich lesen dürfen. Lizenz vor Einlesen. Was nicht lizenziert im System liegt, kommt auch nicht in die Antwort.
Die richtige Gradzahl nenne ich hier nicht. Der Normtext ist lizenziert, und ich zitiere ihn nicht auf einer offenen Seite. Wer sie braucht, schlägt sie nach: ÖNORM B 1921:2023 07 01, im eigenen Zugang.